Sagenhafter Sonntag

Vineta – das Ostsee-Atlantis

Sonntagskinder aufgepasst: Wenn ihr dieses Ostern an der Ostsee verbringt, solltet ihr einen Blick auf das Meer werfen. Und habt unbedingt eine Münze dabei. Warum, das will ich euch im Folgenden erzählen…

Fitz, der Hirtenjunge hütete auch am Ostermorgen seine Schafe in den Dünen. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielte Fitz auf seiner Flöte und blickte über die Ostsee. Die Frühlingssonne wärmte ihm sanft das Gesicht. Und ruhig lag das Wasser an diesem windstillen Tag. Doch mit einem Male regte sich das Meer. Wellenberge türmten sich auf und plötzlich ragten Türme und Mauern aus der Wasseroberfläche. Eine ganze Stadt stieg aus den Tiefen empor. Und direkt vor Fitz öffnete sich ein reich verziertes Tor. Zunächst war der Junge starr vor Schreck. Doch dann packte ihn die Neugier und er schritt durch das Tor in die Stadt hinein.

Die Häuser waren groß und prachtvoll mit Fenstern aus buntem Glas. Frauen in kostbaren Gewändern und Männer mit pelzverbrämten Mänteln liefen durch die Straßen. Und auf einem Marktplatz wurden die kostbarsten Waren angeboten. Stoffe aus Samt und Seide, seltene Gewürze aus fernen Ländern, sogar bunte Vögel in goldenen Käfigen. Es ging betriebsam zu auf dem Marktflecken, doch war zugleich kein Laut zu hören. Die Stadt schien in Stille versunken. Fitz blieb staunend stehen.

Da sah er, dass ein Händler auf ihn aufmerksam geworden war und ihn zu sich winkte. Doch Fitz trug keinen Pfennig bei sich, zeigte dem Mann nur seine leeren Taschen und schüttelte traurig den Kopf. Dann wandte er sich um und lief durch das Tor zurück an den Strand. Schnell wollte er zu seiner Familie laufen, um ein paar Münzen bitten und allen von seiner sonderbaren Entdeckung berichten. Doch als Fitz zurück bei seinen Schafen war und sich zum Meer umdrehte, lag die Ostsee wieder ruhig vor ihm. Von der Stadt war nichts mehr zu sehen…

Verwirrt setzte sich Fitz in die Dünen. Hatte ihm sein Verstand einen Streich gespielt? Da tauchte ein Schatten neben dem Jungen auf. Fitz blickte auf und sah in das wettergegerbte Gesicht des alten Fischers. „Geht es dir gut, Junge? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ „Ich… ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe eine ganze Stadt voller Geister gesehen.“ Der Fischer ließ sich neben Fitz nieder. „Du bist ein Sonntagskind, nicht wahr, Fitz? Denn wenn du ein Sonntagskind bist, dann kannst du heute, am Ostermorgen, wenn die Kirchenglocken läuten, die Stadt Vineta aus dem Meer steigen sehen, die hier vor vielen, vielen Jahren untergegangen ist.“ „Oh, dann ist es doch wahr! Dann ist alles wahr und ich habe nicht bloß geträumt! Ich hab‘ tatsächlich eine Stadt gesehen!“ rief der Junge und berichtete dem alten Mann haarklein, was er erlebt hatte und dass die Stadt dann gleich wieder verschwunden war.

Der Fischer nickte bedächtig und begann nun zu erzählen, was ihm von Vineta bekannt geworden war: „Siehst du, hättest du auch nur einen Pfennig gehabt und damit bezahlen können, so wäre Vineta erlöst und die ganze Stadt mit allem, was darin ist, hier oben geblieben. Diese Stadt Vineta ist einst größer gewesen, als irgendeine andere Stadt – und prächtiger. Und schön und voller Leben wie das ferne Konstantinopel. Und die Bewohner der Stadt waren reich, über allen Maßen reich, da sie mit allen Völkern der Erde Handel trieben. Es heißt, sie haben die schönsten und kostbarsten Dinge besessen. Doch in ihrem Reichtum verfielen die Bewohner Vinetas dem Hochmut und der Verschwendung. Ihre Kinder ließen sie mit Silbertalern in den Straßen spielen. Die Schweine fraßen aus goldenen Trögen.“ „Das stimmt! Sogar die Pferde tragen Hufeisen aus Gold. Und die Löcher in den Hauswänden sind mit Brot, statt Lehm gestopft“, brach es aus Fitz, der bislang gebannt zugehört hatte, heraus. „Aber was ist denn nur mit der Stadt geschehen?“ „Nun, hör zu. Du weißt doch, wie man sagt: Hochmut kommt vor dem Fall. Die Bewohner der Stadt waren reich, aber Teilen wollten sie nicht gern. Und einen Teil ihres Reichtums erzielten sie mit Betrügereien, indem sie fremde Händler übers Ohr hauten. Dies blieb nicht unbemerkt und eines Tages tauchte eine Meerfrau aus den Wassern vor der Stadt auf. Und sie ließ eine Warnung durch die Straßen Vinetas klingen: ‚Vineta, Vineta, du rieke Stadt, Vineta sall unnergahn, wieldeß se het väl Böses dahn‘. Aber die Bewohner schlugen die Warnung in den Wind und lebten weiter wie bisher. Dies ging nicht lange gut. Eines Abends zog ein Sturm auf, wie die Menschen von Vineta ihn noch nicht erlebt hatten. Die Wellen stiegen höher und höher. Doch die Bewohner Vinetas waren nicht bereit, ihre Reichtümer zurückzulassen und sich in Sicherheit zu bringen. So begrub schließlich die Sturmflut Häuser, Menschen und Tiere unter sich. Seither taucht Vineta nur alle 100 Jahre zum Tag der Auferstehung unseres Herrn wieder aus den Tiefen empor und kann erlöst werden, indem ein Sonntagskind einem Händler der Stadt eine Münze zahlt.“ Fitz blickte nachdenklich auf die See. „Nun“, sagte er schließlich. „Dann habe ich ja nun genug Zeit, ein paar Pfennige zu sparen.“

Auf diese Geschichte bin ich gestoßen, als ich für Texte zu einer Dauerausstellung im Rathaus der Stadt Barth recherchiert habe. Tatsächlich gibt es Hinweise in Form archäologischer Funde, die darauf hindeuten, dass sich an der Odermündung einst eine Stadt befand, von der der Chronist Ibrahim ibn Jaqub, Gesandter des Kalifen von Cordoba im 10. Jahrhundert, berichtet: „Sie haben keinen König und lassen sich auch sonst von keinem einzelnen regieren, sondern die Machthaber unter ihnen sind ihre Ältesten. Sie haben eine große Stadt am Weltmeer, die zwölf Tore hat und einen Hafen.“

Doch kann eine ganze Stadt tatsächlich im Meer versinken und kaum eine Spur zurücklassen? Wahrscheinlicher ist vielleicht die Theorie, dass einst der König der Dänen sein Heer an die Ostseeküste führte und Vineta in einer schrecklichen Schlacht dem Erdboden gleich gemacht wurde, in einer Schlacht, die einer Sturmflut gleich über die Bewohner hereinbrach.

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